Stadtplanung als Selbstbedienungsladen

KWL will Parkhaus an der Beckergrube

Bausenator Boden hält wenig vom Vorschlag unserer „Koordinierungsbüro- Wirtschaft-in-Lübeck-GmbH“, die auf dem Possehl-Grundstück an der Beckergrube ein Parkhaus mit 600 Stellplätzen bauen möchte. Er will es anders und viel kleiner. Dabei wünschen sich Christ-, Sozial- und Liberaldemokraten nichts sehnlicher als größere Parkhäuser in der City. Wir können wetten, dass der Senator noch auf lübsche Weise „eingenordet“ wird.

Wie solche „Einnordung“ läuft, zeichnet sich bereits deutlich ab: „Nach Angaben der zuständigen Projektleiterin Liane Dommermuth gibt es bereits konkrete Planungen: ,Wir haben Kontakt zu mehreren Investoren und Architekten’. Favorisiert werde ein reines Parkhaus. Die Investition werde laut Dommermuth zwischen zehn und zwanzig Millionen Euro liegen. – Auf Seiten der Politik stoßen die KWL-Planungen auf ein überwiegend positives Echo“, berichtete wahrheitsnah unsere LN am 18. 4. – Gewährsmänner für diese Frohbotschaften wie immer SPD-Reinhardt und CDUPuschaddel.

Das kommt davon, wenn man eine Nebenregierung in Sachen Bau und Wirtschaft namens KWL installiert und sich damit als Bürgerschaftler und Politik- Gestalter selbst abschafft – da darf man nur noch abnicken. Schließlich hatte man die KWL ja mal aus dem Hut gezaubert, um wirtschaftsfreundliche Baupolitik am Baudezernat vorbei zu ermöglichen. Senator Boden hat das noch nicht ganz begriffen: Er meint, dass sein Bauamt erst mal einen Bebauungsplan aufstellen muss und dass Lübeck als Weltkulturerbe dazu verpflichtet sei, „mit Baulücken besonders behutsam umzugehen“. – Womit er zweifellos Recht hat. Aber hörten wir nicht, dass Frau Dommermuth „zuständige Projektleiterin“ ist?

Wichtig ist auch, dass sich hier ein Grundstückspoker anbahnt. Das Baufeld“ des zukünftigen Parkhauses (sofern es denn kommt) gehört nämlich zur Hälfe der KWL (d. h. als Treuhänder der Stadt) und zur Hälfte dem Possehl- Konzern. Einer muss kaufen, ein anderer soll verkaufen. Und da sind dann schlagartig alle „Mehrkosten“-verursachenden „Weich“- Forderungen, sprich Gestaltung und Einbindung, von nur nachrangigem Belang. Denn man verwechsle nicht den knallhart operierenden Possehl-Konzern mit der philantropischen Possehlstiftung. Dennoch wird die Possehlstiftung hier an den Stiftungszweck erinnern müssen – Erhaltung und Pflege des Stadtbilds. Dr. Pfeifer, Chef der Stiftung, hat bereits eindeutig Stellung bezogen. Danke.

Und da waren ja auch noch die Welterbe-Verpflichtungen gegenüber der UNESCO. Nämlich: Meldung nach Paris, Vorlage und Diskussion der Pläne. Zweitens: Einbindung des Gestaltungsbeirats, unseres aus fünf renommierten Architekten bestehenden Gutachtergremiums samt einem zugewählten auswärtigen Denkmalpfleger. Im Falle eines Wettbewerbs, den die Bauverwaltung bei einem Bauvorhaben von diesem Kalibers eigentlich auszuloben verpflichtet ist, wäre der Beirat immerhin in der Jury vertreten. – Hat Frau Dommermuth von der KWL davon gesprochen oder hat LNMitarbeiter Köpke ihre Aussagen dazu unterdrückt? Köpke wird doch wohl nachgefragt haben!

Es kommt noch döller

Dass man „ein reines Parkhaus“ will – etwa so was Ausgereiftes wie an der Rosenpforte oder an der Holstentorhalle – verdeutlicht das Motiv der KWL: sie möchte ihre Finanzmisere auf einen Schlag beenden. Ein 600- Stellplatz-Parkhaus am Rand der Geschäftszone A wäre ein Freibrief zum Gelddrucken. KWL-Chef Gerdes weiß wovon er spricht: „Die Parkhaus- Situation in der City ist desaströs“. Daher: „Zusätzliche Parkplätze sind dringend erforderlich“. Und Gerdes kennt die Lösung: „Die KWL könnte ein sehr rentables Parkhaus an der Beckergrube bauen“. Das nennt man zum Wohle der Stadt argumentieren.

Wir blättern im Archiv und stoßen in der LN vom 30. Juli 2003 auf diesen Gerdes-Ausspruch: „Eigentlich bietet Lübeck genügend Parkmöglichkeiten. Die Bequemlichkeit der Kunden spricht allerdings für neue Parkplätze in der City“. - Wie konnte es geschehen, dass diese Bequemlichkeit sich innerhalb von nur zwei Jahren derart „desaströs“ entwickelte? - Und um noch mal auf Bausenator Boden zurückzukommen. „Ein neues Parkhaus löst die Lübecker Probleme nicht“, hat er mal gesagt. Als er noch neu war. Jetzt kann er sich bereits ein ummanteltes Parkhaus an der Beckergrube vorstellen, mit „shopping mall“, Büros und Wohnungen drumrum oder obendrauf. 350 Stellplätze könne man da bauen. Aber – und da zitieren wir aus dem LN-Interview genau und gerne: „Eine Stadt wird nicht durch Parkplätze attraktiv. Eine Stadt braucht vor allem ein attraktives Einzelhandelsangebot“.

Stadtreparatur? – ja! Stadtreparatur!

Natürlich, auch dieser Spruch war zu erwarten: „Wir begrüßen ein Parkhaus an der Beckergrube. Das Schließen dieser Baulücke ist ein wichtiges Stück Altstadt-Reparatur“, sagte CDU-Chef Puschaddel. Um mit Radio Eriwan zu antworten: Im Prinzip ja, Genosse – aber wenn du willst reparieren Altstadt mit Parkhaus, brauchst du Altstadt.“

Dass Puschaddel eine „Altstadt“ mit Parkhäusern „reparieren“ will, deckt eine tiefe Begriffsverwirrung auf. Zwar haben wir uns dran gewöhnt, dass LN und Volksvertreter die Wörter „Altstadt“, „City“ und „Innenstadt“ synonym verwenden, also als Wörter mit gleicher Bedeutung. Aber hier wollen wir Puschaddel beim Wort nehmen: Machen Sie mal Ernst mit der „Altstadt“, Herr Fraktionsvorsitzender! Wer sich zwischen Kupferschmiedestraße, Ellerbrook, Böttcherstraße und Untertrave umsieht, wird ein Quartier entdecken, das von der Stadtplanung im Allgemeinen und von der Sanierungsplanung im Besonderen völlig vergessen worden ist. Sprich: ein Bereich mit gravierenden städtebaulichen Mängeln. Dass hier noch nicht auf „Sanierungsgebiet“ entschieden wurde, ist vermutlich der nicht leicht einzubeziehenden Grundstücksbesitzer-Klientel zwischen Bordell, Kneipen, spekulativem Leerstand und einkommensschwachen Restnutzern zu danken. Wer ein „reines Parkhaus“ in dieses Rehabilitations-bedürftige Quartier hineinsetzt, fügt einer „Rückseite“ Lübecks eine weitere Rückseite hinzu. Also: bevor irgendein finanzklammer Investor von Dukaten-Eseln träumt: Lübeck hat hier zuallererst stadtentwicklungspolitische Hausaufgaben zu lösen. Mit oder gegen die KWL.

Ach ja, noch ein Spruch, der unbedingt zu erwarten war: „In der Innenstadt fehlen Parkplätze. Der Stillstand der vergangenen zehn bis zwölf Jahre muss endlich überwunden werden“, sagte Wirtschaftssenator Halbedel. Dass zuallererst ein Stillstand im Kopf überwunden werden muss, sollte man doch mal sagen dürfen.

A.A.