UNESCO-Experten kritisieren das Markt-Kaufhaus

Es war alles „eine Idee kleiner“, nicht feiner. Nicht einmal die wenigen Teilnehmer, die von der Bauverwaltung zur „UNESCO-Nachfolgekonferenz“ eingeladen worden waren, erschienen vollzählig zum Termin. Waren auf der ersten Konferenz (am 1. Februar 02) noch 18 „Rede-berechtigte“ Teilnehmer zugegen, so war die Zahl am 17. Mai auf ganze zehn reduziert. Wer die Auswahl traf und weshalb Eingeladene ohne Absage fehlten, wäre vielleicht ganz interessant zu wissen: einige fehlen wohl „mit Vorsatz“. Was ist schon an einer Baumaßnahme zu begutachten, die seit drei Monaten fertiggestellt und seitdem als Kaufhaus in Betrieb ist?

Ein großer Fehler und die Folgen

Das P&C-Schloss ist nicht vom Himmel auf den Markt gefallen. Es ist auch keine Ausgeburt des globalen Kapitalismus. Lübecks Politiker, Bauverwaltung und eine Hand voll Architekten haben es gewollt. Es ist der bis heute beschämende Augenblick in der ersten Konferenz, als Architekt Hempel (Brixen, Südtirol) seine Schön-Rede mit dem bemerkenswerten Satz abschloss: „Wir stellen also fest, dass der Neubau das Welterbe nicht gefährdet“. Die anwesenden Denkmalpfleger und Kritiker waren offenbar derart perplex – die Vertreter von BIRL und „Rettet den Markt“ müssen sich da an die eigene Nase fassen -, dass eine Widerrede erst einmal ausblieb: man hoffte auf Diskussion über Änderungen im Detail. Doch eine solche Diskussion wurde unterbunden: die Architekten wollten keine Auseinandersetzung mit der Architektur des Kollegen Ingenhoven. Aber: um Überprüfung und Begutachtung von Überarbeitungen sollte es auf einer „kleinen“ Nachfolge- Konferenz gehen.

Die Sitzung der „Kleinen Nachfolge-Konferenz“ hätte bereits im April oder Mai 2002 stattfinden sollen. Über die um mehr als drei Jahre zu spät erfolgte Terminierung hat die Lübecker Bauverwaltung sich passende Begründungen zurechtgelegt: a) weil es für einen Neubau auf dem Stadthaus- Grundstück keine Mieter-Optionen und damit auch keine weitere Planung gab, was zweifellos richtig ist, und b) weil die 1. Konferenz beschlossen habe, dass die Lübecker Bauverwaltung die von der Konferenz ebenfalls verlangte Überarbeitung der Kaufhauspläne in entsagungsvoller Eigenleistung unter Ausschluss der UNESCO zu erbringen habe. Was ohne Zweifel falsch ist. Die in ungestörter Stille erbrachte Eigenleistung lobt Senator Boden als „hochwertige Abarbeitung im Detail“.

Wir sagten dazu: Der Bock macht sich zum Gärtner. Denn tatsächlich sollte die „Kleine Konferenz“ auch die Kaufhaus-Überarbeitung begutachten – Verfasser kann dies beeiden und weiß sich darin mit anderen Konferenzteilnehmern einig. – Aus dem vom Ingenhoven-Vertreter vorgetragenen Bau-Ablauf ging nämlich klar hervor, dass eine „Kleine Konferenz“ sehr wohl Ende 2003, spätestens Mitte 2004 hätte einberufen werden können – vor Umsetzung der zwischen dem Büro Ingenhoven und der Lübecker Bauverwaltung abgesprochenen Änderungen. Die Bauverwaltung stritt die Zuständigkeit der „Kleinen Konferenz“ auch für die Überprüfung des Kaufhauses erneut rundweg ab. Schon in einem von BM Saxe unterzeichneten Brief vom 18. 6. 03 an ICOMOS-Chef Petzet verwies man auf die „Planungshoheit Lübecks“.

Wer traut sich ?

Das Lob des Büros Ingenhoven über seinen P&C-Bau fiel ebenso überschwänglich aus wie das Lob des Investor-Vertreters Schöbben: ein „Haus, auf das wir stolz sind“; da „haben wir für Lübeck doch was Gutes hingekriegt“. Die am Geschäft nicht-Beteiligten waren aber nicht hundertprozentig euphorisiert. Auch Bodens Eloge auf die feinfühlige „Lübecker Planungskultur“ hörte sich mehr nach Pflicht an. - Nach der Zeit des Lobens begab man sich in lockerem Gutachterschritt zum belobten Objekt. Es sprach der Vertreter des Büros Ingenhoven und es sprach der Vertreter des Investors, Herr Schöbben. Und der LN-Fotograf knipste. Man durchquerte das Kaufhaus von unten nach oben, wo die spießige Langeweile der Innenausstattung („nicht von uns“, so der Ingenhoven-Vertreter) bestens mit grundrisslichen Mängeln harmonisiert – siehe den endlosen Hotelflur unter dem Schalendach, siehe die tiefen, nicht nutzbaren Abseiten unter den Betonschalen.

Alle schienen darüber nachzugrübeln, was diese aufgeregte postexpressionistische Bauweise wohl mit Augen- und Zahnarztpraxen zu tun hat. Und wo denn nun eigentlich Senator Bodens „hochwertige Abarbeitung im Detail“ zu sehen ist – etwa in der höchst unschönen Putz-Pfriemelei an den sich zum Fußboden absenkenden Schalen? Auf dem Petri-Turm war es zugig und kalt, aber sehr hell: Von unten strahlte uns nämlich der Glanz vom weiß leuchtenden P&C-Dach aus sechzehn hochgebusten Parabelbögen entgegen. Das wie Kunststoff wirkende glatte Material und der die gesamte Umgebung dominierende Farbton wurden schweigend zur Kenntnis genommen. Sogar Landeskonservator Michael Paarmann, sonst eher konziliant, war erschrocken: Das Dach sei „doch wohl viel zu hell und zu glänzend“ geraten; er hoffe auf „die Gnade der Patina“. Daraus wird wohl nichts werden – eher wird das Blech mit der Zeit durch Anwitterung noch heller. - Vom Turm herunter war auch schön zu sehen, wie sehr die ohnehin schon kleine Markt-Restfläche durch den weiten Überstand der hohen Parabelhüte zusätzlich reduziert wird.

 

Teil 2: ein Lob der lübschen Planungskultur

Interessant wurde die Konferenz erst, als es um Zukünftiges ging. Erstens um das sogenannte Stadthaus. Das leergeräumte Grundstück ist weiterhin im Besitz der Investoren Kahlen & Schöbben („Markt GbR“). Interessenten für Büro-, Laden-, Altenheim-, Hotel- oder Wohnnutzug seien nicht in Sicht. Die Empfehlung der ersten Konferenz, dem neuen Stadthaus eine andere „Kopfbedeckung“ zu verpassen als Parabelhüte wie auf dem Kaufhaus- Block, sei ein Selbstgänger, sagte Schöbben. „Schon aus finanziellen Gründen muss hier was anderes her“. Würde man wie anfangs geplant sechs Parabelhüte draufsetzen, wären die Mieten in den Etagen darunter unbezahlbar. Denn die Hüte sind teuer: Das Parabeldach auf dem P&C-Block habe zwei bis drei Millionen Euro mehr gekostet als geplant. – Schöbben wird auch einem Wettbewerb zustimmen. Aber wenn der Investor schon auf das aufwendige Dach verzichte, solle man doch über eine andere Traufhöhe nachdenken, sprich: ein Geschoss mehr! Da murrte sogar die Lübecker Bauverwaltung. - Nach Vorschlag von Frau Dr. Ringbeck solle ein kombinierter Städtebau- und Architektenwettbewerb ausgelobt werden, ein „Realisierungs“- Wettbewerb, sobald es Klarheit über Mieter und Nutzungen gebe. Natürlich könne sich das Büro Ingenhoven, Overdieck & Partner beteiligen.

Auch das „Gründerviertel“ kam dran. Die luftigen Vorstellungen der Stadt, von Planungsamtchef Antonius Jeiler etwas konfus vorgetragen, hatten bemerkenswerte Mängel: so wurde dezent verschwiegen, dass ein wuchtiger, fast fertiger Studenten-Wohnblock die Vision „kleinteiliger“ Bau-Strukturen (entsprechend dem Gutachten von Klaus Petersen) bereits „im Vorwege“ ad absurdum führt. Frau Ringbeck, darob aufgeklärt, reagierte mit deutlichen Worten: bei Maßnahmen von diesem Kaliber ist Lübeck gemäß Welterbe-Konvention verpflichtet, das UNESCO-Welterbezentrum in Paris über die Planungen zu unterrichten und zu konsultieren. Tatsächlich hat Lübeck weder über die Zerstörung der gesamten gotischen Keller-Landschaft noch über die Planung selbst berichtet. Wozu uns die schöne Opera- Buffo-Szene mit dem bei der ersten Konferenz noch zuständigen Senator Volker Zahn einfällt: „Für das Gründerviertel erbitten wir Rat und Beistand von der UNESCO“. –

In diesem Stil ging es weiter: Nebelhaftes über das „Welterbe-konforme“ Hotel Schmiedestraße, dem der Investor abhanden zu kommen droht, und Ausflüchte beim Appartementblock-Vorhaben Dankwartsbrücke. Auch Denkmalpfleger Dr. Siewert konnte nicht erklären, weshalb der aus Mitte des 19. Jahrhunderts stammende „Petriziegelhof“ ohne Genehmigung abgebrochen wurde, obwohl er als „einfaches Kulturdenkmal“ eingetragen war.

Zum „Haerder-Center“ des Großinvestors Tenkhoff, eine Riesenkiste, die anstelle des noch stehenden Haerder-Komplexes aus den 1950er und frühen 60er Jahren in Kürze entstehen soll, hörte man zunächst eine fulminante Lobrede von BM Saxe auf seinen Senator Boden, der die Vertragspartner in vielen harten Verhandlungen zusammengebracht habe. Zum Stand der Dinge nur soviel: zunächst sei die Bauverwaltung mit städtebaulichen Festlegungen beschäftigt. An der Wahmstraße wolle man die Bauflucht des neuen Kaufhauses etwa wieder bis zur heutigen Straßenmitte vorziehen. Man mache sich auch Gedanken darüber, wo die notwendigen 120 Kunden-Parkplätze unterzubringen sind. Fragen könne man erst beantworten, wenn alles fix und fertig eingetütet sei. Immerhin: man wird einen Wettbewerb veranstalten, ein sogenanntes „konkurrierendes Verfahren“ zwischen sechs eingeladenen Architekten. – Denkmalschutz für den 50er-Jahre-Bau? Als Dr. Siewert noch herauszuarbeiten versuchte, dass ihm hier die Argumente für eine Unterschutzstellung fehlten, befand Frau Ringbeck knapp: „In Köln steht so was unter Denkmalschutz“. Worauf eine Diskussion über die Frage einsetzte, weshalb Köln nicht Lübeck ist.

Und dann war da noch was mit „Welterbe“ …

Lauwarme Luft also – und dafür reisen teure Leute von weither an? Doch, ein wichtiges Ergebnis gab es: Lübeck ist erneut deutlich auf seine versäumten Pflichten hingewiesen worden. Frau Ringbeck erinnerte daran, dass die vor 1998 eingetragenen Welterbestätten den seitdem als Voraussetzung für die Eintragung fungierenden „management plan“ nachliefern und den geschützten Welterbe-Bereich samt umgebender „Pufferzone“ exakt definieren müssen. Lübeck, 1987 eingetragen, ist bereits 1992 nach der Königpassage- Katastrophe eindringlich aufgefordert worden, einen solchen „management plan“ aufzustellen – bis jetzt hat man sich nicht dazu bequemen können. Zu den Pflichten gehört auch die jährliche Berichterstattung und alle fünf bis sechs Jahre eine zusammenfassende Bewertung der Welterbe- Arbeit in Bezug zu den im „management plan“ formulierten Richtlinien. Dieser management plan ist im Kern eine politische Verpflichtungserklärung, Erhaltung und Pflege der Denkmale im Welterbe-Bereich mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Einklang zu bringen. –

…und mit Wolkenschieberei

Vom zukünftigen sechs- bis achtköpfigen „Welterbe-Beirat“, den Boden- Vorgänger Volker Zahn in einem Brief an die UNESCO noch elegant aus dem Hut gezaubert hatte, wollte die Bauverwaltung jetzt natürlich nichts mehr wissen. Die „Welterbe-Angelegenheiten“, so wurde gemeint, würden doch vom fünfköpfigen Gestaltungsbeirat „mit erledigt“. Obwohl Frau Ringbeck eindringlich darauf verwies, dass der Welterbe-Status eine Denkmalschutz- Kategorie ist, fühlte unsere Bauverwaltung sich in ihrer Überzeugung sicher, dass jeder Architekt von Natur aus auch Denkmal-Kenner und –schützer ist. Dabei zeigt die Erfahrung, dass Architekten nicht nur im Konfliktfall mit Denkmalpflege wenig am Hut haben – sonst wären sie ja Denkmalpfleger und keine Architekten.

Dass der Gestaltungsbeirat gar nicht von der Stadt, sondern von der Possehlstiftung finanziert wird, tat der eigenen Schulterklopferei keinen Abbruch. Man ging auch großzügig darüber hinweg, dass die „fünf Weisen“ die Fortsetzung ihrer Arbeit in Frage stellen – einerseits wegen mangelhafter Vorarbeit der Verwaltung, andererseits wegen der offenkundigen Neigung der Verwaltung, diese kompetenten Fachleute von städtebaulichen Grundsatz- Entscheidungen fernzuhalten. Die Possehlstiftung will über die weitere Finanzierung noch einmal nachdenken. Der Verwaltung ist die Lage wohlbekannt – wenn sie jetzt aber dieses von ihr ungeliebte Gremium zum Sachwalter der UNESCO-Interessen proklamiert, wird plötzlich klar, wie die Bauverwaltung über die Welterbe-Verpflichtungen tatsächlich denkt. Doch jetzt liegt als Kompromiss der auch von Frau Ringbeck unterstützte Vorschlag auf dem Tisch, den Gestaltungsbeirat um einen gestandenen, überregional wirkenden Denkmal-Fachmann zu erweitern. Wir werden sehen, was daraus wird. Denn dies zu wollen und zu unterstützen wäre nicht nur Sache der Possehlstiftung, sondern auch der Verwaltung. Unangenehm das Ganze – man musste den Eindruck gewinnen, dass Lübeck die Welterbe-Verpflichtungen nicht ernst nehmen will. Die Konferenz war über weite Strecken Provinztheater. Was BM Saxe und Senator Boden an Wesentlichem beitrugen – und das war in erster Linie ihr Gesichtsausdruck – , ließ erkennen, dass hier fürchterlich langweilige und nachrangige Dinge im Raume standen. Da muss sich was ändern.

M.F.